Von Kommoden und Schränken

13. November 2010

Schrank

von Angela Zimmermann

Kürzlich durfte ich O. kennen lernen, den zukünftigen Ehemann einer guten Freundin von mir. Wir waren zum Brunch eingeladen und führten Gespräche über Gott und die Welt. Und wir kamen dabei auch auf das unterschiedliche Verhalten von Frauen und Männern zu reden. Als leidenschaftlicher Schreiner verglich O. die beiden Geschlechter mit Kommoden und Schränken.

Männer seien wie Kommoden. Sie hätten für alle Lebensbereiche, Themen und Gefühlslagen viele kleine Schubladen, die sie nach Gutdünken auf und zu machen können. So gehe ein Mann trotz Sorgen oder Ärger am Arbeitsplatz gut zurück ins Familienleben, weil er einfach die Schulbade schliesse und eine neue aufmache. Und am nächsten Morgen erst beschäftige er sich wieder mit der vollgeärgerten Schublade. So halte es ein Mann auch mit Konflikten und anderen Herausforderungen, die schubladisiert werden und so nicht ständig präsent sind, und das ganze Gefühlsleben
belasten.

Wir Frauen seien jedoch wie ein grosser Kleiderschrank. Gerate an einer Ecke etwas in Unordnung, sei sofort der ganze Schrank im Chaos. Nach erstem Gelächter war ich von diesem Vergleich total fasziniert. Ich fühlte mich von diesem Schrank im Chaos sehr angesprochen. Denn tatsächlich konnte mich ein Zwischenfall total aus dem Gleichgewicht werfen und dann alle anderen Themen des Tages auch beeinträchtigen und mit einem Schatten belegen. Und erst wenn die eine Ecke wieder aufgeräumt und in Ordnung ist, kann ich das Leben in vollen Zügen geniessen.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind von den alten grossen Sekretären magisch angezogen wurde. Eine grosse Lade in der Mitte diente als Schreibtisch, und rundherum waren offene Fächer und viele kleine Schublädchen. In all diesen Fächern und Schubladen konnten viele kleine Geheimnisse und allerhand Krimskrams versorgt werden. Ein echter, altertümlicher Sekretär hatte auch irgendwo ein total geheimes Geheimfach, das zwar alle kannten.

Die Idee meine Sorgen, den Ärger und Probleme vorübergehend in Schubladen wegzupacken gefällt mir. Manchmal lösen sich Probleme von selber, und die Schublade ist beim nächsten Reinschauen plötzlich leer. Eine Sorge erweist sich als unbegründet, ein Ärger verfliegt. Viel zu oft trage ich das alles mit mir rum – bis mein Tinnitus sich meldet und der Magen sich nicht mehr beruhigt.

Schubladisieren muss ich noch üben. Im Stapeln bin ich aber schon sehr gut. Fragen Sie meinen Mann. Ich habe einen Arbeitsstapel, einen Sammelstapel, einen Dasmuss-ich-noch-lesen-Stapel,
einen Das-muss-ich-noch-entscheiden-Stapel. Nach 25 Jahren Ehe hat mein Mann jedoch gelernt, seinen Ärger darüber in einer Kommodenschublade gut wegzuschliessen.