Von der Grillzange im Parkhaus und der Chinesischen Mauer im Bett

13. Juli 2016

Grillzange

von Angela Zimmermann

Schreib doch mal wieder eine Kolumne, so der allgemeine Tenor in meinem Kollegenkreis. «Dafür habe ich gar keine Nerven, ich übe mich gerade im Geduld-Haben.» so meine Antwort. «Dann schreib doch etwas über Geduld.»

Geduld, also, ja dann müsste ich Ihnen von der Grillzange im Parkhaus erzählen. Aber erst mal alles der Reihe nach. Ich verschone Sie mit Einzelheiten und fasse meinen Zustand wie folgt zusammen: «Ich habe Schulter.» Mein Hausarzt, mein Schulterspezialist, meine Physiotherapeuten, meine Naturheilpraktikerin, meine Homöopathin sagen alle das Gleiche: «Du musst jetzt einfach Geduld haben.» – «Geduld haben? Wie lange?» – «Es kann bis zu zwei Jahre dauern.» Uff, ich habe da also eine Lektion zu lernen. Geduld. Dabei warte ich schon seit Beginn der Wechseljahre geduldig auf die so hoch angepriesene Gelassenheit, die sich auch nicht wunschgemäss einstellen will.

Sitze ich im Warteraum der Phsysiotherapie oder der Radiologie sehe ich Menschen, die noch viel mehr Geduld haben müssen als ich. Und ich ziehe den Hut vor all diesen Menschen, die mit viel schlimmeren Erkrankungen und Behinderungen ihren Alltag meistern. Und ich ahne, dass auch sie hinter der fröhlichen Kulisse ab und zu eine Träne verdrücken, eine schmerzvolle Nacht erbringen, ins Selbstmitleid verfallen und an schlechten Tagen jammern und hadern.

«Sie müssen etwas Geduld haben», diesen Satz höre ich inzwischen in meinem Innern ähnlich der weiblichen Stimme aus dem GPS in meinem Auto. Und ich höre sie sagen «bitte wenden» oder «Ihre Route wird neu berechnet». Und tatsächlich muss ich des öftern meine Route neu berechnen, bzw. wenden oder neue Wege gehen. Ein Beispiel gefällig? Um bei der Einfahrt ins Parkhaus trotz blockierter Schulter den Knopf drücken und das Ticket ziehen zu können, setze ich inzwischen die Grillzange ein. Das geht, ehrlich, aber ich hoffe immer, dass mich niemand dabei sieht. Die Ausfahrt benötigt dann ein wirklich ruhiges Händchen, damit der Zettel mit Hilfe der Grillzange in den Schlitz geht.

Ich verneige mich vor allen Angehörigen, die mit viel Geduld Menschen begleiten, die sich gerade in Geduld üben müssen. Mein Mann nimmt’s mit Humor. Das grosse Stillkissen, das in der Mitte unseres Ehebettes liegt, damit ich meine Schulter nachts schmerzfrei lagern kann, nennt er «die Chinesische Mauer». Und er droht damit, sich einen Reiseführer zu kaufen, um zu erfahren, wie man die Chinesische Mauer überwinden oder umgehen könne, um in die Nähe der Ehefrau zu kommen.

Wenn Sie also meinen Mann demnächst in der Buchhandlung antreffen, weisen Sie ihm den Weg zu den Reiseführern. Und bitte sagen Sie mir nicht mehr, dass ich Geduld haben soll. Denn ich habe noch nicht gelernt, darauf angemessen, ruhig und mit einem flotten Spruch zu reagieren. Bis mir das gelingt, müssen Sie noch etwas Geduld haben.