Sterbender Schwan im Ingwerbad

13. November 2010

Badewanne

von Angela Zimmermann

Erleben Sie Entspannung pur im Ingwer-Honig-Bad – so die Versprechung des Spa-Prospektes meines Wellness-Hotels. Mein Mann und ich hatten im Allgäu, inmitten tiefverschneiter Landschaft, für 4 Tage einen Erholungsurlaub gebucht. Um meine Maschinen ganz runter zu fahren, hatte ich eben dieses Ingwer-Honig-Bad gebucht, und meldete mich an der Zentrale vom Spa. Eine nette Frau um die 50 empfing mich und liess mich einen Befragungsbogen über mein Wohlbefinden ausfüllen. Fühlen Sie sich gut? Haben Sie zu hohen Blutdruck? Gibt es medizinische  Probleme mit Ihrem Herzen? Nein, alles gut, ich bin gesund und fühle mich gerade super.

Die Dame führte mich in einen romantisch eingerichteten Raum, mitten drin eine tolle Sprudelbadewanne. Sie zeigte mir, wie ich mich rein setzen sollte und richtete es so ein, dass ich meine Füsse bequem auf ein Metallstäbchen stellen konnte. Sie startete das Programm, das wohlig warmes Wasser in die Wanne laufen liess und leerte mit verheissungsvollen Versprechungen das Badesalz dazu. Ingwer, Honig, Meersalz und ein pflegendes Oel sollten für Wohlbehagen sorgen. Als sie sich etwas unsicher über den Touch-Screen-Bildschirm beugte, und nicht wusste, ob sie nun das Programm „sanft“ oder „intensiv“ anwählen sollte, überkam mich eine Ahnung, dass diese Badestunde nicht so ablaufen könnte, wie ich es mir erhofft hatte. Ich konnte ihr auch nicht
raten, wir einigten uns darauf, dass wohl „intensiv“ nicht schlecht sein konnte.

Das Massageprogramm in der Wanne begann bei den Füssen und arbeitete sich dann schrittweise über Beine, Po, Rücken zu den Armen und schliesslich zu den Brausen an meinem Nacken hoch. Doch wie ich rasch feststellen konnte, war das Programm „intensiv“ wohl nicht zum Entspannen gedacht. Schon beim Besprudeln meiner Beine fühlte sich das eher wie eine Sportmassage an. Und es hatte noch Steigerungspotenzial! Je näher die Sprudel bei meinem Nacken ankamen, um so mehr spritzte es in und aus der Badewanne. War es normal, dass die Wasserspritzer 50 cm über die Wanne hoch stiegen und dann auf meinem Gesicht und auf dem wunderschönen Kachelboden landeten? Ich konnte mich noch so sehr erwehren, meine Position verändern und meine Zehen rund um das feine Metallstäbchen klammern – es gab kein Entkommen. Die Badefrau, die kurz den Raum verlassen hatte, war bei ihrer Rückkehr entsetzt. Was haben Sie gemacht? Nichts gemacht. Hat alles die Maschine gemacht. Das Programm lief weiter, ich fühlte mich wie mitten in einem Wasserfall oder direkt auf der Rutschbahn eines Erlebnisbades. Verständlich dass der Raum innert Kürze unter Wasser stand. Die nette Dame ringte um ihre Fassung, drückte irgendwas am TouchScreen rum und fand schliesslich einen Regler, mit dem sie die Intensität der Besprudelung etwas dämmen konnte.

Jetzt begann das grosse Putzen. Während ich mich im Wasser irgendwie zu beruhigen versuchte, riss meine Betreuerin alle Frottéewäsche aus den Schränken, um so dem Wasser wieder Herr zu werden. Ausser sich und mit ständigem Gemurmel wischte sie das Wasser zusammen, wrang die Tücher aus, um erneut zu Werke zu gehen. Aus dem IngwerHonig-Entspannungs-Bad wurde so ein Programm mit dem Namen „Baden mit Putzfrau“. Das hätte ich wohl zu Hause billiger und wirkungsvoller haben können.

Der ganze Candle-light-Effekt war für die Katz. Die nette Dame entschuldigte sich tausendmal und konnte nichts mehr für mich tun, weil das Programm nun seinen Dienst getan hatte und das Wasser aus der Wanne entschwand. Ich verliess den Entspannungsbereich zitternd, und mit dem Bluthochdruck und den Herzsprüngen, die ich vorher beim Fragebogen nicht mit Ja angekreuzt hatte. Schade, auf dem Papierbogen nach dem Bad musste ich leider nur noch mit Unterschrift bestätigen, dass ich das Angebot tatsächlich genutzt habe und wie viel Trinkgeld ich geben möchte. Sorry, Trinkgeld, nein, das war die einzige Gefühlsregung, zu der ich dann gerade fähig war. Und es dauerte noch ziemlich lange, bis ich mich wieder eingeklinkt und von der Anstrengung des Erholungsbades erholt hatte.

Und der Kommentar meines Mannes: Vielleicht sollten sie im schönen Prospekt das Angebot eher „Schwanensee“ nennen. In diesem Bad wäre ja selbst ein Schwan ertrunken.