Bist Du nicht die Schwester von……?

13. November 2010

Schwestern

von Angela Zimmermann mit einem schwesterlich-herzlichen Gruss an meine prominente Schwester

Als Zweitjüngste von sieben Kindern bin ich mich ja schon einiges gewohnt. Egal wo ich mich vorstelle, irgend jemand kennt sicher schon eine meiner Schwestern oder meinen Bruder. Und ehe man es sich versieht, landet man in einer Schublade. Denn je nach Sympathie und Antipathie werden diese Gefühle ja meist auf die Schwester auch gleich mit übertragen.

So geniesse ich es immer mal wieder beruflich ausserhalb unseres Kantons tätig zu sein, und dort als unbeschriebenes Blatt neutral aufgenommen zu werden. Der Prophet im eigenen Land hat es ja bekanntlich immer etwas schwieriger, wie das Sprichwort schon sagt. Und wenn man die Familie der Referentin oder Kursleiterin kennt, gibt das immer wieder Anlass zu Tuscheleien und Vergleichen.

Nun ist meine kleine aber doch grössere Schwester seit Wochen mit ihrem neusten Buch in der Bestsellerliste. Jetzt bekommt dieses Schwester-Sein einen ganz anderen Anstrich. Als erstes wollte man meinen persönlichen Kommentar zum Buch meiner Schwester hören. Rasch lernte ich, dass die Frage eher rhetorischer Art und darauf ausgerichtet ist, irgendetwas Spannendes über den Erfolg meiner Schwester zu erfahren.

An der Vernissage des Buches dann eine weitere Steigerung. Eine Frau wollte unbedingt ein Foto mit mir machen, weil ich doch die Schwester der Autorin sei. Eine Andere fragte mich, welche Widmung mir meine Schwester ins Buch geschrieben habe. Eine Dritte stellte sich als Schwester einer Schwester vor und schloss mich liebevoll in ihre Arme. Schwester einer prominenten Schwester zu sein, hat also seine Nebenwirkungen.

Bist Du nicht die Schwester von….? – heisst es nun des öfteren auf der Strasse, im Einkaufscenter und an kulturellen Anlässen. Den wirklichen Namen meiner Schwester wissen die Fragenden nicht immer. So bin ich also die Schwester der Buchschreiberin, der Bestsellerlistenfrau, der Frau aus dem „10 vor 10“ oder dem Mädchen aus der Schweizer Illustrierten. Ja ich bin‘s, sie ist meine Schwester. Leute, die mich jahrelang nicht mehr beachtet haben grüssen mich plötzlich wieder und tun, als wären wir beste Freunde. Jeder möchte ein Quäntchen vom diesem Glanz des Regenbogens abbekommen.

Heute klingelt der Briefträger an der Tür. Er ist ganz aufgeregt, weil er mich schon lange etwas fragen wolle. Und nun habe er endlich ein Päktli zu bringen und könne mich endlich fragen, ob ich nicht die Schwester von….. Ja, die bin ich….. War sie nicht früher auch Sängerin?….Ja, das war sie. Und es folgt ein völlig verklärter Blick, weil er offenbar schon in Jugendjahren für meine Schwester geschwärmt habe. Und er habe gestern auf der Poststelle geblufft, dass er der Schwester dieser bekannten Autorin jeden Morgen die Post vorbei bringe. Und Ihr werdet es nicht glauben, er strich dabei liebevoll über meinen blauen, schmutzigen Briefkasten und war einfach hin und weg.

So langsam packt mich die Panik. Wo führt das hin? Und wie wird das, wenn meine Schwester, die ja meine ganz normale Schwester ist, noch viel bekannter, erfolgreicher und prominenter wird? Nicht auszudenken, was da noch alles auf mich zukommt.